24 Jahre halle02: Eine Bilanz zum Geburtstag

Wie ein Heidelberger Veranstaltungshaus mit 150.000 Besuchen pro Jahr ohne kommunalen Zuschuss auskommt – und was das für die Stadt bedeutet.

Heidelberg – Am vergangenen Wochenende (25.04.26) hat die halle02 ihren 24. Geburtstag gefeiert. Aus dem 2002 gegründeten Konzert- und Veranstaltungsort ist in den vergangenen drei Jahrzehnten einer der prägendsten Kulturbetriebe der Metropolregion Rhein-Neckar geworden – mit weit größerer Wirkung, als die reine Zahl der Veranstaltungen es vermuten lassen würde. Eine aktuelle Gemeinwohlbilanz zeigt erstmals umfassend, welchen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Beitrag die halle02 für Gesellschaft leistet.

Allein im Jahr 2024 kamen über 150.000 Besucher:innen zu mehr als 300 Veranstaltungen – vom internationalen Konzert über Comedy und Lesungen bis zu Familienformaten und barrierefreien Partyreihen.

 

Eigenfinanzierte Kulturarbeit: Was ein vergleichbares Programm öffentlich kosten würde

Was die halle02 von vielen Veranstaltungshäusern unterscheidet: Sie betreibt ein anspruchsvolles, kuratiertes Programm aus Live-Konzerten, Comedy, Lesungen, Familien- und Szenepartys vollständig eigenwirtschaftlich – ohne institutionelle Förderung, ohne laufende Zuschüsse, ohne Defizitübernahme der öffentlichen Hand. Die wirtschaftlichen Risiken trägt das Unternehmen, die kulturelle Wirkung kommt der Region zugute.

Wie hoch dieser Beitrag in Geld bemessen ist, lässt sich aus den Branchendaten der Initiative Musik ableiten – jener bundesweiten Einrichtung, die im Auftrag der Bundesregierung Live-Musik in Deutschland fördert.

Branchen-Benchmark: 10 Prozent öffentliche Zuschüsse im Durchschnitt. Die bundesweite Clubstudie der Initiative Musik (2021) hat erstmals systematisch erfasst, wie sich Musikspielstätten in Deutschland finanzieren. Das Ergebnis: Über alle Spielstätten-Typen hinweg machen öffentliche Zuschüsse im Durchschnitt rund 10 Prozent der Erlöse aus. Je nach Typ liegt die Quote zwischen 3 Prozent (kleine Musikclubs und Musikbars) und 25 Prozent (soziokulturelle Zentren und Jugendzentren). Die Studie hält dazu ausdrücklich fest, dass „viele Musikspielstätten ohne diese Mittel keine Renditen oder Verluste erwirtschaften“ würden. Öffentliche Förderung ist in der Branche also nicht die Ausnahme, sondern die strukturelle Voraussetzung dafür, dass Live-Musikkultur überhaupt stattfinden kann.

Übertragen auf die halle02: Bei einem Jahresumsatz von fast 5 Millionen Euro entspräche der branchenübliche Zuschussanteil rechnerisch rund 480.000 Euro pro Jahr, die ein vergleichbarer Betrieb im Schnitt! von der öffentlichen Hand erhielte. Über die 24 Jahre des Bestehens summiert sich dieser Wert auf eine Größenordnung von rund 11 Millionen Euro, die der öffentlichen Hand nicht in Rechnung gestellt wurden. Zieht man die 575.000 Euro ab, die insgesamt von 2005 bis 2017 an institutioneller Förderung an die halle02 geflossen sind ab, stehen immer noch mehr als 10 Mio. Euro zu Buche.

Diese Zahl soll nicht als Forderung verstanden werden, sondern lediglich als Einordnung: Eigenfinanzierte Kulturarbeit in dieser Dimension ist in der deutschen Spielstättenlandschaft selten. Was hier ohne Zuschuss funktioniert, wird anderswo strukturell aus Steuergeldern getragen – weder als Kritik, noch als Verdienst, sondern als Tatsache, die zeigt, was eigenwirtschaftliche Kulturarbeit tatsächlich leisten kann.

 

Konkret: Was die halle02 für Stadt und Region leistet

Hinter den Zahlen steht ein Programm, das in seiner kulturellen Breite vielfältig ist.

Live-Konzerte und Tourstationen: Eine Mischung aus internationalen Acts, Bandentwicklung und regionalen Newcomer-Förderprogrammen – von Indie und Pop über Hip-Hop und elektronischer Musik bis zu Metal und Singer-Songwriter-Formaten. Ein kleiner Auszug:
Künstlerinnen wie: AnnenMayKantereit, Casper, Clueso, Mine, Faber, Von Wegen Lisbeth, Bilderbuch, Namika, Wanda, Provinz, Kettcar, Joy Denalane, Tocotronic, Giant Rooks, Bosse, Judith Holofernes, Feine Sahne Fischfilet, Irie Révoltés, Die Toten Hosen, Jan Delay, Wallis Bird, Soulwax, Morcheeba, Calexico, New Model Army, Mogwai, Netsky, Camo & Krooked, Paul Kalkbrenner, Fritz Kalkbrenner, Robin Schulz, Natascha Polké, Kollektiv Turmstraße, Ben Klock, Adam Beyer, Modeselektor, Magda, Âme, Stephan Bodzin, Marusha

Szenepartys und Clubnächte: Reihen wie die Old but Gold, die 90er- und 2000er-Partys, Drum’n’Bass-Events oder Indie- & Szene-Formate, die ein Nachtleben sichern, das für eine junge, akademisch geprägte Stadt wie Heidelberg zur Standortqualität gehört. Ein kleiner Auszug: Paul Kalkbrenner, Fritz Kalkbrenner, Boris Brejcha, Robin Schulz, Felix Jaehn, Westbam, Marusha, Sub Focus, Andy C, LTJ Bukem, Stephan Bodzin, Alle Farben, Felix Kröcher, Camo & Krooked, Gerd Janson, Move D, Dominik Eulberg, Moonbootica, Marlon Hoffstadt, Partiboi69, DJ Heartstring, DJ Boring, DJ Mell G, Lucky Luke

Comedy- und Kabarettprogramm: Stand-up-Abende, Solo-Programme und Tourgastspiele, die in dieser Konzentration sonst nirgendwo in der Region zu sehen sind. Ein kleiner Auszug: Salim Samatou, Felix Lobrecht, Helene Bockhorst, Babak Ghassim, Maxi Gstettenbauer, Teddy Teclebrhan, Mirja Boes, Khalid Bounouar, Jan Philipp Zymny, Till Reiners, Ususmango, Sebastian Lehmann, Benaissa Lamroubal, Moritz Neumeier, Starbugs Comedy, Hany Siam, Aurel Mertz, David Kebekus, RebellComedy, Nikita Miller, Tutty Tran, Sven Bensmann

Lesungen, Diskursformate und politische Veranstaltungen: Vom Internationalen Literaturfestival Heidelberg über Podiumsgespräche bis zu zivilgesellschaftlichen Bündnis-Veranstaltungen. Ein kleiner Auszug: T.C. Boyle, Cornelia Funke, Robert Habeck, Édouard Louis, Didier Eribon, Maja Göpel, Martina Hefter, Jonathan Meese, Ralph Caspers, Pippa Goldschmidt, Hoda Barakat

Familienprogramm: Das Format „Elternabend“ sowie Kinderkonzerte und U18-Veranstaltungen, die Kultur unabhängig von Lebensalter und Lebensphase zugänglich machen.

Inklusive und barrierefreie Formate: Die Reihe „halle für alle“ mit Gebärdensprachdolmetschung, einfacher Sprache, Rückzugsräumen und erweiterter kostenloser Begleitpersonenregelung.

Saisonformate: Die „Kleine Freiheit“ im Sommer und die „Kleine Weihnacht“ im Winter – als Bausteine eines Heidelberger Veranstaltungskalenders, der weit über die eigene Spielstätte hinaus wirken und unter anderem durch Verzicht auf Eintritt besonders niederschwellig besucht werden können.

Hinzu kommen Kooperationen mit dem Heidelberger Frühling, dem Internationalen Literaturfestiva FeeLitl, der Ballettwerkstatt, der freien Theaterszene und mit gemeinnützigen Trägern, die Veranstaltungsräume kostenfrei oder vergleichbar vergünstigt nutzen – ein geldwerter Beitrag von rund 51.000 Euro pro Jahr, der in keiner kommunalen Kasse verbucht ist und dennoch Kulturarbeit in der Stadt ermöglicht.

„Seit 24 Jahren machen wir Kultur für diese Stadt – aus eigener Kraft. Wenn dabei jedes Jahr über 150.000 Menschen zusammenkommen, dann ist das für uns mehr als ein Geschäft: Es ist unser Beitrag zum kulturellen Leben in Heidelberg.“

Hannes Seibold, Geschäftsführer der halle02 GmbH

 

Wirtschaftsfaktor mit regionaler Verankerung

Hinter dem Programm steht ein gewachsener Mittelständler. Die halle02 GmbH erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2024 einen Umsatz von rund rund 5 Millionen Euro. Für das Gemeinwesen ergaben sich daraus im selben Jahr Abgaben in Höhe von rund 324.000 Euro – darunter immerhin knapp 88.000 Euro Gewerbesteuer, die direkt in den Heidelberger Stadthaushalt geflossen sind, sowie 228.695 Euro Sozialversicherungsbeiträge. Das Bruttoentgelt der Beschäftigten lag bei über 1 Millionen Euro.

Hinzu kommen die wirtschaftlichen Multiplikatoreffekte: Die halle02 beauftragt ganz überwiegend regionale Dienstleister:innen, Künstler:innen, Techniker:innen und Handwerksbetriebe. Gehälter und Honorare bleiben in der Region und sichern dort Lohnsteueraufkommen, Sozialabgaben und Konsum. Auch Hotellerie und Gastronomie der Bahnstadt und der angrenzenden Stadtteile profitieren regelmäßig von Konzertbesuchen tausender auswärtiger Gäste.

 

Arbeitgeberin und Ausbildungsbetrieb

Die halle02 ist auch eine wichtige Arbeitgeberin in der Region. Im Jahr 2024 waren 197 Mitarbeitende bei der GmbH beschäftigt – vom festangestellten Team über Werkstudierende und Aushilfen bis zu Auszubildenden, Dual Studierenden und einem Freiwilligen Sozialen Jahr Kultur (FSJK). Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit der Festangestellten liegt bei 7,5 Jahren – ein Wert, der in der Veranstaltungsbranche heraussticht.

Zum 1. Januar 2024 hat die halle02 ein transparentes Lohnmodell eingeführt, das einen einheitlichen Basislohn vorsieht und Aufschläge nach sozialen und leistungsbezogenen Kriterien transparent darstellt. Pflegende Angehörige und Alleinerziehende erhalten zusätzliche finanzielle Anerkennung. Eine im März 2024 gewählte Vertrauensperson sowie eine Kooperation mit dem psychologischen Unterstützungsangebot „Hello we care“ runden das Personalkonzept ab.

Auch die Nachwuchsförderung hat in der halle02 einen festen Platz: Für die kommenden Jahrgänge schreibt das Haus aktuell wieder Ausbildungs- und duale Studienplätze sowie ein FSJK aus. Die Kosten für das Deutschlandticket, Lehrmittel und Studiengebühren übernimmt die halle02 vollständig – bewusst über die Vorgaben von IHK und DHBW hinaus.

 

Nachhaltigkeit als Selbstverpflichtung

Die halle02 hat als einer der ersten Clubs in Baden-Württemberg eine Klimabilanz erstellt (erstmals 2022, Aktualisierung für 2024 nach dem CO₂-Kulturstandard) und legt diese transparent offen. Mit der nun erstmals nach der Gemeinwohl-Matrix erstellten Vollbilanz erreicht die halle02 553 von 1.000 möglichen Punkten – ein Wert, der das hohe Engagement vor allem in den Bereichen Mitarbeitendenkultur, ethische Finanzpartnerschaften und solidarische Geldverwendung widerspiegelt. Die Bilanz benennt zugleich offen, wo das Unternehmen nachschärfen will, etwa bei der systematischen Bewertung von Lieferketten.

 

Verbunden mit dem Standort, mit Verantwortung für die Zukunft

Die halle02 ist schon immer fester Bestandteil der Heidelberger Bahnstadt und identifiziert sich ausdrücklich mit ihrem Stadtteil. Die enge Zusammenarbeit mit dem Stadtteilverein, die Beteiligung an Nachbarschaftsaktionen und die niedrigschwelligen Öffnungszeiten im Güterbahnhof-Areal machen das Haus zu einem zentralen sozialen Ankerpunkt eines wachsenden Quartiers. Als eigenwirtschaftlicher Kulturbetrieb mussten wir uns stets neu erfinden, uns den Herausforderungen der Branche und der Welt entgegenstellen und konnten nur so über drei Jahrzehnte hinweg am Standort überleben.

„Was wir an einem Wochenende feiern, hat eine Vorlaufzeit von 24 Jahren. Die halle02 ist nicht einfach ein Veranstaltungsort, sondern Infrastruktur – vergleichbar mit einer Bühne, einer Bibliothek oder einem Sportverein. Sie funktioniert nur, weil viele Menschen über Jahre Verantwortung dafür übernommen haben, dass Kultur in dieser Stadt einen Ort hat. Wir sehen es als unsere Aufgabe, diesen Ort auch für die nächsten Generationen zu sichern – als verlässlichen Partner für Heidelberg, für die Region und für die Menschen, die hier leben.“

Felix Grädler, Geschäftsführer der halle02 GmbH

 

Mit Blick auf die kommenden Jahre arbeitet die halle02 daher daran, ihre Strukturen weiter zu professionalisieren – darunter der Aufbau eines Beirats, die Weiterentwicklung der Klimabilanz und die Verankerung der Nachhaltigkeitsstrategie in allen Gewerken. Die Beteiligung am größten regionalen örtlichen Konzertveranstalter “Delta Konzerte” zu Jahresbeginn trotz schwieriger Marktvoraussetzungen unterstreicht das Bekenntnis zum Standort und zur kulturellen Selbstverpflichtung für die Region.

Ein besonderer Dank gilt der Stadt Heidelberg und dem Gemeinderat, die über all die Jahre an uns als Betreiber geglaubt und somit die Entwicklung der halle02 zu einem kulturellen Ankerpunkt ermöglicht haben.

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